Nachdenkseiten der Schulpsychologie

Ein Blog für Schulpsychologie und Bildung von Jürgen Mietz

Aufsatz zur Multiprofessionalität erschienen

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Multiprofessionalität in der schulischen Beratungsarbeit ist wenig erforscht und evaluiert. Dennoch ist sie en vogue; sie wird als unausweichlich und unverzichtbar für höhere Qualität und Effizienz angesehen. Die Forderungen und Bereitschaften ergeben sich aus einer Melange staatlicher Steuerungsabsichten und aus Hoffnungen auf erhöhte Qualität, Abbau von Überforderung und aus Hoffnung auf – irgendwie – mehr Humanisierung. Die in diesem Aufsatz angestellten Überlegungen können allerdings zeigen, dass Multiprofessionalität unter den gegebenen politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen von Mensch und Gesellschaft die anvisierten Verbesserungen in ihr Gegenteil verkehren können oder doch zumindest trügerisch sind.
Die Forderungen nach „mehr Multiprofessionalität“ wirken stichhaltig. Sind wir doch davon überzeugt, dass Problemlagen heute so komplex sind, dass sie den Einzelnen oder die Einzelne mit den spezialisierten Ausbildungen und Rollenzuschreibungen überfordern. Zudem sprechen solche Forderungen die Bedürfnisse nach Kooperation und Gemeinschaftlichkeit an. So gesehen könnte man glauben, die Forderung sei einem emanzipatorischen Geist entsprungen.

Der Artikel erschien im Handbuch der Schulberatung der mgo-fachverlage

Written by schau

22. Juli 2020 at 10:29

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»Warum wir den Mut brauchen, psychische Erkrankungen wieder in ihrem gesellschaftlichen Gesamtkontext zu sehen.«

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heißt es im Artikel, auf den hier verlinkt wird.

Erfreulich, dass ein Artikel, der sich gegen die Gesellschaftsblindheit der Psychologie und Psychiatrie wendet, an prominenter Stelle, wie Spektrum, erscheinen kann.

Um so bedauerlicher, dass ein Denken dieser Art in deutschen Studiengängen, geschweige denn in Schulbehörden nur schwer zu finden ist.

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Unter den fünf, für das Ausstellen einer Depression erforderlichen Symptomen, muss gemäß DSM-5 zwingend eins der beiden Hauptsymptome auftauchen: Depressive Stimmung oder Verlust von Interesse und Freude.[1] Ist dies nicht der Fall, so ist es der Definition nach auch keine Depression. Für die Diagnose ist dabei die Ursache der Symptome unerheblich, es kommt lediglich auf ihre Präsenz oder Abwesenheit an. Dies macht es auch nebensächlich, ob die Symptome inmitten einer schweren Lebenskrise auftreten oder ohne äußeren, erkennbaren Grund. In beiden Fällen gilt die Person als depressiv erkrankt, diagnostiziert mit einer psychischen Störung.

An markanten Beispielen, wie der Deutung psychischer Erkrankungen von Frauen, zeigt die Autorin, wie zeit- und gesellschaftsgebunden psychologische Diagnostik sein kann:

Aus heutiger Sicht auf damalige Verhältnisse ist wohl allen klar, dass die Umstände an den Pranger gestellt werden müssen, nicht die Frauen selbst. Es wäre fatal, wenn jene Hausfrauen sich still und leise mit der Krankheit Depression identifiziert hätten, anstatt für bessere Lebensbedingungen auf die Straße zu gehen.

Lesenswert.

Written by schau

20. Juli 2020 at 15:44

Sind (Schul-) Kinder systemrelevant?

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Ein Mantra der angeblich wissens- und wissenschaftsbasierten (Schul-) Politik ist, dass sie Evidenz für sich in Anspruch nimmt.

Evidenz bezeichnet das dem Augenschein nach unbezweifelbar Erkennbare oder die unmittelbare, mit besonderem Wahrheitsanspruch auftretende vollständige Einsicht.

heißt es bei Wikipedia.

In anderen Zusammenhängen werden Evidenz und Evidenzbasiertheit in dem Sinne verstanden, dass es Belege und Beweise für ein Handeln gibt.

Dass in der Bildungsrepublik Deutschland während der Corona-Krise danach gehandelt wurde, darf bezweifelt werden. Einige Argumente und weiterführdende Links finden sich hier.

Written by schau

24. Juni 2020 at 11:15

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Corona deckt alte Schwachstellen des Schulystems auf

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Jetzt soll es losgehen mit der Schule – früher oder später. Oder vielleicht doch nicht?

Der häufig marode Zustand von Schulgebäuden, die unterfinanzierten Schulverwaltungen in Städten und Kreisen lassen erahnen, dass die ersehnte Rückkehr zur Normalität noch lange auf sich warten lassen könnte. Nicht nur das zur Ökonomisierung und Kommerzialisierung freigegebene Gesundheitswesen, auch das über viele Jahre schlank (?) gesparte (?) Schulwesen können die Anforderungen nicht verkraften.

Ein Interview des Deutschlandfunks.

Written by schau

21. April 2020 at 22:22

Psychologen zur "Coronakrise"

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Die Mainstream- und Qualitätsmedien sind sehr damit beschäftigt, uns auf den Kurs der Regierung(en) einzuschwören. (Selbst-) Disziplinierung und Folgsamkeit sollen der Weg sein, der zur Rettung führen soll. Analyse und Kritik sind in der (selbst mit hergestellten) Not nicht angesagt. Rubikon hat in den letzten Tagen einige Aufstätze von Psychologen veröffentlicht, die das bekannte Spektrum des Gesagten und Gesollten um Nachdenkenswertes erweitern.

So schreibt Andreas Peglau, wie sich mit Erich Fromm die augenblickliche Lage auch psychologisch und psychoanalytisch analysieren lässt

Denn sollten sogar diese nicht mehr gelten, bliebe nur eines: Wir müssten selbst denken, urteilen und entscheiden, uns möglichst umfassend und tiefgründig informieren, zwischen konträren Darstellungen abwägen, Spannungen und Wissenslücken aushalten, uns mit anderen auf Augenhöhe austauschen, kritische Fragen stellen – auch an „Experten“. Wir müssten möglicherweise sogar Widerstand leisten gegen etwas, das „von oben“ kommt.

Klaus-Jürgen Bruder schreibt über den Diskurs der Macht, der gerade auch in Corona-Zeiten nicht stillgestellt ist und das Potenzial hat, uns zu korrumpieren.

Wir denken nur noch: Wie schütze ich mich? Wie sorge ich vor, verbunden mit der Hoffnung, es wird bald vorbei sein – wir denken nicht mehr an anderes, was vorher wichtig gewesen war: die Wirkung der Ablenkung – von dem, was diese „Krise“ erst möglich gemacht hat. Das Gesundheitswesen war nicht darauf vorbereitet, keine ausreichende Vorsorge an medizinischen Schutzmitteln, durch „Sparpolitik“ verursachter Mangel an Personal und Kliniken. Die Panik des Kaninchens angesichts der unvorhersehbar aufgetauchten Schlange.

Georg Lind schreibt über Panik.

Ein altbewährtes, wirksames Gegenmittel gegen pathologische Panik ist und bleibt mit Immanuel Kant:

Sapere aude! Wage zu denken!

Written by schau

23. März 2020 at 18:20

Gewissensfragen der Schulpsychologie und Schulberatung

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Wie überholt ist das denn? Oder ist es überfällig,

sich damit zu befassen?

Ich habe mich mit dem Thema befasst. Ein Aufsatz dazu ist erschienen. Ich beschreibe eine Lage zwischen Lethargie und Unbehagen, in der sich Schulpsycholog’inn’en und Schulberater’innen befinden. Ich weise auf tatsächliche Einschränkungen beraterischer Praxis und Konzepte hin und auf die hohen ethischen Ansprüche, mit denen Berufsverbände Schulpsychologie versehen. Fremd- und Selbstbeschränkungen im beruflichen Handeln drohen ethische Ansprüche zur Fiktion werden zu lassen und werfen Gewissensfragen auf.

Die Themen des Aufsatzes sind unter anderem

Vermessung der Persönlichkeit

Resilienz und Emotionsregulation

Wissenschaftliche Neutralität und Gesellschaftsblindheit

die Umsetzung von Inklusion

und andere mehr. Der Aufsatz ist im Handbuch der Schulberatung bei mgo-fachverlage erschienen. Das Handbuch präsentiert ein breites Spektrum schulberaterischer Praxis.

Kränkung: Gar nicht so neu – jetzt mit Neurobiologie

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Im Beitrag auf Deutschlandfunkkultur wird das Thema Kränkung abgehandelt, als sei man vollständig neuen Einsichten auf die Spur gekommen. Nachdem er hart an der Grenze zur Psychologisierung und zur Vernachlässigung der sozialen Seite des Themas entlangwandelt, greift er aber doch dankenswerterweise die Möglichkeit der Ablenkung von sozialen Konflikten auf, die in der Kaprizierung aufs Individuum liegt. Deshalb: bitte bis zum Ende durchhalten.😉

Written by schau

1. März 2020 at 13:07

Veröffentlicht in Lernen und Emotion, Scham

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101 Jahre Weimarer Schulkompromiss

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Interessante Entwicklungslinien von 1919 bis in die 2020er Jahre

Vor einigen Tagen machte sich ein Kollege »Gedanken zum Schulsystem in Deutschland«. Seine Hauptthemen waren einige Inkonsistenzen der Schule zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die sich subversiv störend und irritierend auf Lernen und Unterrichten auswirken. Es lohnte sich, darüber eine Debatte zu führen. Ich will hier nur einen Aspekt herausgreifen.

Das derzeitige Schulsystem basiert im Wesentlichen auf preußischen Denk- und Organisationsstrukturen. In gut gemeinter Absicht wurde 1919 die allgemeine Schulpflicht durch die Weimarer Verfassung eingeführt, was damals eine sozialpolitisch wegweisende Entscheidung gewesen ist. Beibehalten wurden hingegen die „preußischen“ Organisationsstrukturen, die autoritär und streng hierarchisch waren. Sie basieren vor allem auf dem Prinzip von Befehl bzw. Anweisung (vgl. Gesetze, Erlasse) und Gehorsam bzw. Umsetzung.

In der Tat wurden 1919 die Weichen für ein Schulsystem gestellt, das wir in wesentlichen Zügen noch heute haben und das uns immer noch zu schaffen macht.

Wie ist das möglich nach zwei Weltkriegen, die eng mit einem reaktionären, nationalistischen und militaristischen Vorlauf verknüpft waren? Und wie ist es möglich, dass im Schul- und Bildungssystem sich undemokratische, integrations- und partizipationsfeindliche Strukturen und Traditionen nach diesen Erfahrungen halten konnten?

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Erziehung als Mittel der Verdinglichung

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Ein vielversprechendes Buch ist vor Kurzem auf den Markt gekommen. Manche Zeile klingt drastisch.

Für den gewünschten Output wurde die herzustellende Ware im Fortgang des bio-logischen Wachstums vermessen, gesellschaftlich kontrolliert und, wenn nötig, aus-sortiert und im schlimmsten Falle zur Mangel- oder Fehlerware abgestempelt, aus dem Handel genommen und »verramscht«. Sein gesellschaftlicher Marktwert taxiert sich nach bestandener Qualitätsprüfung. Diese erfolgt, den Gesetzen des neoliberalen Marktes folgend, in standardisierter und objektivierter Form. Ziel der Herstellung ist das »normale Kind«.

Das passt so gar nicht zum Sound der Bildungspolitik und dazu, was viele sich wünschen zu sein, wenn sie erzieherisch oder beratend aktiv sein wollen. Die Gedanken der Autorin könnten aber geeignet sein, uns die Augen zu öffnen. Man könnte einen Zusammenhang herstellen: Je mehr vermessen, kategorisiert – also diskriminiert – wird, um so heftiger und rauschhafter wird die Rede von der Inklusivität geführt. Sabine Seichter hat das Buch »Das ›normale‹ Kind« geschrieben. Hier gibt es eine Leseprobe.

Written by schau

28. Februar 2020 at 17:55

Es geht weiter – zumindest etwas

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Hier war es eine Zeitlang sehr ruhig. Kein Wunder, gab es doch anderes zu tun als diesen Blog aktuell zu halten. Zwei Aufsätze sind in den letzten Monaten entstanden, die einen schulpsychologischen und schulberaterischen Bezug haben. Das werde ich noch in einem eigenen Post bedenken. (Es gibt aber noch andere Beschäftigungsmöglichkeiten, die Zeit kosten.)

Tatsächlich versiegt für mich als Ehemaligen die Quelle der unmittelbaren Erfahrung, um das eine oder andere Thema aufzuspießen. Und die meisten Kolleginnen und Kollegen folgen bewusst oder unbewusst der Erwartung des Arbeitgebers, Neues, das nicht für PR oder Propaganda geeignet ist, unter Verschluss zu halten. (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel). Das ist sicherlich die eine oder andere Überlegung wert, wie das (die Abschließung) funktioniert. Das heißt, es wird hier wenig oder gar nicht mehr darüber nachgedacht werden, wie sich im alltagspraktischen beruflichen Handeln, politische, sozialpsychologische Konzepte heimlich und unheimlich umsetzen.

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Written by schau

28. Februar 2020 at 17:13

Veröffentlicht in Allgemeines