Nachdenkseiten der Schulpsychologie

Ein Blog für Schulpsychologie und Bildung von Jürgen Mietz

Schulentwicklung gescheitert!

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Einem Kollegen aus NRW verdanke ich den Hinweis auf ein sehr interessantes und wie ich finde, wichtiges Buch. Schon 2013 erschien das Buch »Schulentwicklung gescheitert!« von Jörg Schlee. Die angekündigten Themen erinnerten mich an Auseinandersetzungen, die mehr als 20 Jahre zurückliegen. Es waren Auseinandersetzungen, die mir in einer Deutlichkeit wie nie zuvor zeigten, dass es bei der Verbesserung von Schule – die Deutungsmöglichkeiten sind zahlreich – nicht um Austausch, Klärung und Argumente gehen muss. Eine Erfahrung damals: Es gibt Personen, die wirksame Hebel für die Durchsetzung ihrer Interessen und Konzepte haben und die dafür nicht auf Dialog und Debatte angewiesen sind. 

Nun, 20 Jahre später, fasst Jörg Schlee alles an Kritik zusammen, die Haltlosigkeit der theoretischen Annahmen, die fehlende Wissenschaftlichkeit. Er breitet in einem Kapitel die Anforderungen aus, die an wissenschaftliche Arbeit zu stellen sind und stellt fest, dass sie sämtlich nicht erfüllt waren. Die Kritik  Schlees an den Schulentwicklungskonzepten von Rolff, Dalin, Schley und anderen ist grundlegend und desillusionierend. Das wirft die Frage auf, warum das alles „durchging“. Schlee stellt Vermutungen über Zirkel wechselseitiger Förderung und Protektion an. Auch gab es Wünsche nach Veränderungen in den Schulen, die eine Bereitschaft erzeugten, sich auf die Angebote und Versprechen einzulassen.

Die damals von einigen wenigen und mir selbst geäußerte Kritik taucht ebenfalls in dem Buch auf. Was mir damals zentral war und meinem psychologischen Denken entsprang, waren einige von vielen denkbare Kritikpunkte, wie ich heute weiß. Was einige von uns monierten, war die Unfähigkeit dieser Konzepte, dem Subjekt, dem Individuum einen Stellenwert für die Erneuerung und Entwicklung zuzuweisen. Für mich entstanden daraus Aufsätze mit Themen, wie „Schulentwicklung light“, „Die Schule der Zukunft braucht das Subjekt“. ((es) „scheint in vielen Ansätzen der Organisationsentwicklung darum zu gehen, das unkontrollierbare Individuum zu domestizieren, bevor es noch (seine und andere) Individualität erkennt und zum Maßstab des sozialen Austauschs und zu seiner Gestaltungsgrundlage
macht, kritisierte ich.) Hans-Günter Rolff sah die Gefahr, dass damit die Schulentwicklung zu einer therapeutischen Veranstaltung werde (Zeitschrift Pädagogik 2/95)

Die Organisation sollte eine lernende sein – ohne den Subjekten einen zentralen Stellenwert zuzuweisen – Magie also. Sprachlos (gemacht) sollten sie gestalten. Subjekte mit Bewusstsein ihrer Organisation (und ihren Ambitionen) waren keine denkbare Kategorie. (Zu dem Thema unter anderem ein Artikel von Gerhard Fatzer im von Harald Pühl herausgegebenen Handbuch der Supervision und Organisationsentwicklung, 2. Auflage, 2000)

Ein anderer Coup war seinerzeit die zentrale „Handlungseinheit Schule“. Meines Erachtens war das ein Schritt der Illusionierung und Ablenkung. Unter anderem der Ablenkung davon, dass Schulpolitik entscheidend auf staatlicher, zentraler Ebene gemacht wurde.

Zu den Argumenten, die Jörg Schlee dafür anführt, wie das alles hat durchgehen können, möchte ich einige Gedanken hinzufügen. Die 90 er Jahre waren eine Zeit, in der Schule aus ihrer pädagogischen Verankerung herausgerissen werden sollte. Der Pädagogik wurde ihr eigener Gegenstand streitig gemacht. Die Schule sollte eine unternehmerische Schule werden (so unter anderem die Bayern-Sachsen-Kommission). Die Bertelsmann-Stiftung sang diese Melodie, und vielleicht auch die Protagonisten der Schulentwicklung, die Schlee so heftig kritisiert. Der Schule standen also heftige Formierungprozesse mit bestimmter Richtungsvorgabe bevor – und nicht eine Erneuerung von unten. Und die Formierung sollte mit Mitteln der betrieblichen Organisationsentwicklung erreicht werden, was wohl eine ernsthafte Partizipation der Subjekte nicht in Frage kommen ließ.

Man könnte sagen: Der Schulentwicklungshype der 90 er und 2000 er Jahre hat zahlreiche Energien und demokratische Hoffnungen (die Rhetorik knüpfte gekonnt an Herzenswünschen an) gebunden. Die Schulen sind mehr und mehr zu durchrationalisierten Betrieben geworden. Der Anpassungsprozess hin zu einer unternehmerischen Schule ist also gelungen.

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Written by schau

24. September 2014 um 21:47

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