Nachdenkseiten der Schulpsychologie

Ein Blog für Schulpsychologie und Bildung von Jürgen Mietz

Bildungsarmut – und wer profitiert?

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Gepflegte Atmosphäre im Auditorium der Hafencity-Universiät. Kühler, sachlicher Beton, die Längsseite besitzt eine lange und hohe Glasfront. Weltoffenheit, wie die Architekten sie uns vorführen. Der Blick schweift über die Elbe, zu den Elbbrücken und zu den Hafenanlagen. Die Hafencity, ein am Reißbrett entstandener Stadtteil, mit Bürogebäuden und Wohnungen. Überwiegend im hochpreisigen Segment. Die Wände sind kahl, keine Parolen, keine Aufrufe. Die versammelten Expert’inn’en sprechen ruhig, wie vor einem Konzert. Das Thema: Illusion Chancengleichheit. Wer bleibt im Bildungswesen auf der Strecke?

Es handelt sich um die 8. Konferenz zur sozialen Spaltung in Hamburg. Von der Spaltung bekommen wir hier und bei der Anreise im Stadtteil nur eine Seite mit. Ein Ort der Geldanleger  und der Vermarktung moderner Stadtpolitik. Von der anderen Seite der Spaltung erfahren wir, wenn wir von den dunklen Seiten missratener Schulstrukturpolitik und von den Anstrengungen der Lehrer’inn’en und Helfer von Fördereinrichtungen hören. Und von der Ungeduld gegenüber einem „Weiter so“ der akribischen Datensammlungen, die immer wieder die tiefer reichende Spaltung feststellen, ohne dass politische und schulpolitische Richtungsänderungen folgen. Veranstalter ist die Arbeitsgemeinschaft Soziales Hamburg.

In einigen Workshops gaben sich die Moderatoren alle Mühe, die guten Beispiele von Fördereinrichtungen zu Wort und Bild kommen zu lassen. Man wollte nicht politisch-strukturell werden. Das wolle man zu einer anderen Gelegenheit tun. Ein Versuch der Ruhigstellung von Kritik?

Die Teilnehmer’innen versuchten sich an die Vorgabe zu halten. Aber merkwürdig: Immer wieder landeten Diskutant’inn’en bei den Strukturen und Finanzen, kritisierten, dass sie mit ihrer Arbeit die Defizite nicht kompensieren könnten. Man könne zwar Nützliches tun, aber die Verhältnisse besserten sich nicht, sondern verschlechterten sich. Zwar gebe es schöne Erfolge des Schülercoaching, jedoch auch herbe Abbrüche, die Spannungen und Konflikte in den Familien könnten nicht durch  ein bis zwei Stunden Schülercoaching in der Woche aufgefangen werden.

Einige Tropfen auf viele heiße Steine

Wut, Verachtung, Destruktivität, Rückzug von Schüler’inne’n sind angesichts der vielfachen Konditionierungen und Befristungen von Hilfen zu verstehen. Man könnte sogar den Eindruck bekommen, ihne teilte sich mit, dass es um das gute Gewissen anderer gehen könnte. Bitter, wenn Schüler’innen vor der Erkenntnis stehen, dass die Stunden, die sie bei einer außerschulischen Fördereinrichtung verbrachten, nicht einem dauerhaften Interesse ihrer Person galten, sondern dass sie und die Maßnahme einen Beweis liefern sollten, man könne mit kleinen Hilfen die Angemessenheit des Systems im Ganzen belegen. Abbruch. Ende.

Die Frage in einem Workshop lautete: Was können Schulen tun? Nun. Auf dieses Niveau schienen sich viele Teilnehmer’innen nicht mehr begeben zu wollen. Sich noch einmal ein Video anzuschauen, was dieser oder jener Träger anbietet, von dem man sich was abschauen kann, mit dem man in Konkurrenz steht, noch eine Freizeit, ein Café, ein Training anbieten – das schien nicht das Interesse zu sein. Offensichtlich sind die Probleme gravierender und grundlegender als dass sie mit einigen Förderstunden in der Woche zu beheben sind.

Einer der Referenten war Heinz-Elmar Tenorth, der dem Schulsystem bescheinigte, dass es die Versprechen der Politik nie erfüllen konnte, Chancengleichheit herzustellen:

Bildung ist ein Verdummungsprogramm zur Verschleierung von Problemen

Der Titel des Referats „Bildung als Aufstiegsversprechen – Eine kritische Bilanz“  entpuppte sich als Impuls, Bildung in dem Sinn zu definieren, dass es darum gehe, Schülerinnen und Schülern dabei behilflich zu sein, dass das Lernen an den Möglichkeiten, Interessen und Wünschen des jeweiligen Individuums anknüpfen müsse.

Bildung: Den Einzelnen handlungs- und kommunikationsfähig machen

Tenorth empfahl mit allem Nachdruck, sich von der Vorstellung zu verabschieden, Schulstruktur könnte ein Mittel sein, Klassenstrukturen zu verändern. Es gebe keine Hinweise darauf, dass man mit Hilfe einer Schulstruktur, welcher auch immer, Chancengleichheit bei konstanter sozialer Ungleichheit herstellen könne.

Die Schule müsse als Schule im Stadtteil deutlich mehr Verantwortung für ein Lernen im Stadtteil übernehmen können. Das Lernen müsse sich aus den Besonderheiten und Engagements des Stadtteils heraus entwickeln können. Generationenerfahrungen von Mensch zu Mensch, aus der Begegnung müssten zentrales Element des Lernens sein. Schulen sollten die Möglichkeit haben, Produktionsschule zu sein, in der man Handlungserfahrungen machen könne. Der Lehrer sei darin der (Werkstatt-) Meister mit Erfahrungen und einigen Helfern und Assistenten zur individuellen Betreuung von Schüler’inne’n.

Aufstieg durch Bildung – ein Beruhigungsversuch

Als Bildungshistoriker befasste sich Tenorth auch mit der Aussage, Bildung sei das Tor zum Aufstieg. Das aber muss bezweifelt werden. Am ehesten ließe sich von einer Bildungsrevolution bezüglich des 19. Jahrhunderts reden. Hier wurde eingeführt, dass das Zerfikat, die Leistung zählte, nicht mehr die adelige Herkunft, um Beamter, Richter oder Lehrer werden zu können.

»Freie Bahn dem Tüchtigen« war eine Parole aus der Kaiserzeit, im Jahre 1916, während des 1. Weltkriegs um die mehr und mehr der Revolution zuneigenden Arbeiter zu befrieden und in das kaiserliche Herrschaftssystem zu integrieren. Sich die schlauesten Köpfe herausgreifen, ihnen einen Aufstieg ermöglichen und sie der Arbeiterklasse wegnehmen, sagt Tenorth an anderer Stelle in einem Interview. Geholfen in diesem Selektionssystem habe übrigens der gerühmte Psychologe William Stern aus Hamburg.

Zwar gab es sozialistische Führer, die davor warnten. Dennoch machte sich die SPD das Motto »Aufstieg durch Bildung« zu eigen − und konnte das Versprechen nicht einhalten. Ein Mehr an Zertifikaten schaffte bestenfalls eine Berechtigung, nicht aber den tatsächlichen Zugang auf Stellen, die sich größerer Zahl vermehrten als die Zertifikatsinhaber. Hier konnten dann wieder ganz andere Kriterien der Auswahl Gültigkeit bekommen. Noch problematischer sei es, wenn Zertifkate vergeben würden, ohne dass damit Kompetenzen erworben worden seien. Mit immer neuen Methoden würden zudem der Bildungsexpansion elitäre Konzepte gegenübergestellt, wie wie Privatschule, Privatuni, andere exklusive Voraussetzungen etc.

Die CDU sei ebenfalls dem Trend gefolgt mit der Parole »Wohlstand durch Bildung«, was ebenfalls nicht eingelöst worden sei.

»Aufstieg durch Bildung« sei auch in der DDR eine Illusion gewesen. Zumindest seit dem Mauerbau 1961 sei das Bildungssystem ein Ort der Reproduktion der Partei- und Staatseliten gewesen.

Das Bildungssystem halte viele Gelegenheiten der Demütigung und Frustration für die unteren Schichten bereit. Wenn man erfolgreiche Menschen befrage, wie die Schule gewesen sei, erhalte man zur Antwort: Es war Glück, ich hatte einen guten Lehrer etc. Frage man einen gescheiterten Hauptschüler, antworte der: Ich bin zu dumm, ich habe schuld. Für das Selbstwertgefühl, für Anstrengungsbereitschaft und Zugehörigkeit sei das verheerend.

Auf dem Podium wurden diese Sichtweisen zu einem Teil von Ulrich Vieluf, empirischer Bildungsforscher und ehemaliger Staatsrat in der Hamburger Schulbehörde bestätigt. Aus wissenschaftlichen Begleitungen in Projekten der Integration wisse man, dass sozial Benachteiligte am deutlichsten von Schul- und Unterrichtsmodellen profitierten, in denen es eine individuelle Begleitung und Anleitung gebe, mit persönlichem Kontakt im Rahmen einer Lernform, die einer Produktionsschule ähnlich ist. Für Umbau und Ausgestaltung eines in diesem Sinn anderen Schulsystems brauche man sicher auch zusätzliche Finanzmittel. Man müsse diejenigen, die das Kapital haben, zwingen, sich an den Kosten zu beteiligen. Die Effizienz eines solchen Systems und seine Attraktivität für die Qualität des Zusammenlebens wären ein angemessener Gegenwert. Daran knüpften Beiträge aus dem Plenum an. Man müsse sich trauen, die Frage zu stellen, wer von dem bestehenden System profitiere.

Ob dieser Radikalität zuckten doch einige Anwesende zusammen.

 

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