Nachdenkseiten der Schulpsychologie

Ein Blog für Schulpsychologie und Bildung von Jürgen Mietz

Archive for the ‘Kontexte Schule u. Schulpsychologie’ Category

Corona deckt alte Schwachstellen des Schulystems auf

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Jetzt soll es losgehen mit der Schule – früher oder später. Oder vielleicht doch nicht?

Der häufig marode Zustand von Schulgebäuden, die unterfinanzierten Schulverwaltungen in Städten und Kreisen lassen erahnen, dass die ersehnte Rückkehr zur Normalität noch lange auf sich warten lassen könnte. Nicht nur das zur Ökonomisierung und Kommerzialisierung freigegebene Gesundheitswesen, auch das über viele Jahre schlank (?) gesparte (?) Schulwesen können die Anforderungen nicht verkraften.

Ein Interview des Deutschlandfunks.

Written by schau

21. April 2020 at 22:22

Psychologen zur "Coronakrise"

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Die Mainstream- und Qualitätsmedien sind sehr damit beschäftigt, uns auf den Kurs der Regierung(en) einzuschwören. (Selbst-) Disziplinierung und Folgsamkeit sollen der Weg sein, der zur Rettung führen soll. Analyse und Kritik sind in der (selbst mit hergestellten) Not nicht angesagt. Rubikon hat in den letzten Tagen einige Aufstätze von Psychologen veröffentlicht, die das bekannte Spektrum des Gesagten und Gesollten um Nachdenkenswertes erweitern.

So schreibt Andreas Peglau, wie sich mit Erich Fromm die augenblickliche Lage auch psychologisch und psychoanalytisch analysieren lässt

Denn sollten sogar diese nicht mehr gelten, bliebe nur eines: Wir müssten selbst denken, urteilen und entscheiden, uns möglichst umfassend und tiefgründig informieren, zwischen konträren Darstellungen abwägen, Spannungen und Wissenslücken aushalten, uns mit anderen auf Augenhöhe austauschen, kritische Fragen stellen – auch an „Experten“. Wir müssten möglicherweise sogar Widerstand leisten gegen etwas, das „von oben“ kommt.

Klaus-Jürgen Bruder schreibt über den Diskurs der Macht, der gerade auch in Corona-Zeiten nicht stillgestellt ist und das Potenzial hat, uns zu korrumpieren.

Wir denken nur noch: Wie schütze ich mich? Wie sorge ich vor, verbunden mit der Hoffnung, es wird bald vorbei sein – wir denken nicht mehr an anderes, was vorher wichtig gewesen war: die Wirkung der Ablenkung – von dem, was diese „Krise“ erst möglich gemacht hat. Das Gesundheitswesen war nicht darauf vorbereitet, keine ausreichende Vorsorge an medizinischen Schutzmitteln, durch „Sparpolitik“ verursachter Mangel an Personal und Kliniken. Die Panik des Kaninchens angesichts der unvorhersehbar aufgetauchten Schlange.

Georg Lind schreibt über Panik.

Ein altbewährtes, wirksames Gegenmittel gegen pathologische Panik ist und bleibt mit Immanuel Kant:

Sapere aude! Wage zu denken!

Written by schau

23. März 2020 at 18:20

101 Jahre Weimarer Schulkompromiss

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Interessante Entwicklungslinien von 1919 bis in die 2020er Jahre

Vor einigen Tagen machte sich ein Kollege »Gedanken zum Schulsystem in Deutschland«. Seine Hauptthemen waren einige Inkonsistenzen der Schule zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die sich subversiv störend und irritierend auf Lernen und Unterrichten auswirken. Es lohnte sich, darüber eine Debatte zu führen. Ich will hier nur einen Aspekt herausgreifen.

Das derzeitige Schulsystem basiert im Wesentlichen auf preußischen Denk- und Organisationsstrukturen. In gut gemeinter Absicht wurde 1919 die allgemeine Schulpflicht durch die Weimarer Verfassung eingeführt, was damals eine sozialpolitisch wegweisende Entscheidung gewesen ist. Beibehalten wurden hingegen die „preußischen“ Organisationsstrukturen, die autoritär und streng hierarchisch waren. Sie basieren vor allem auf dem Prinzip von Befehl bzw. Anweisung (vgl. Gesetze, Erlasse) und Gehorsam bzw. Umsetzung.

In der Tat wurden 1919 die Weichen für ein Schulsystem gestellt, das wir in wesentlichen Zügen noch heute haben und das uns immer noch zu schaffen macht.

Wie ist das möglich nach zwei Weltkriegen, die eng mit einem reaktionären, nationalistischen und militaristischen Vorlauf verknüpft waren? Und wie ist es möglich, dass im Schul- und Bildungssystem sich undemokratische, integrations- und partizipationsfeindliche Strukturen und Traditionen nach diesen Erfahrungen halten konnten?

Den Rest des Beitrags lesen »

Blick in die unteren Klassen

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Wovon reden wir, wenn wir von den bildungsfernen Schichten reden? Wenn wir etwas von ihnen verstehen, was bleibt übrig, wenn wir damit beschäftigt sind, Schülerinnen und Schüler in die bestehende Ordnung hineinzuprozessieren?

Hier eine kleine Presseschau

Der Stolz der Arbeiterklasse

Das Existenzminimum ist ein Minimum ist ein Minimum

Die Grenzen der Freiheit

Die sozial geformte Individualisierung

Written by schau

18. November 2019 at 12:39

Französische Kulturschaffende auf der Seite der Gelbwesten

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Meinungsbekundung mit Risiken

Ich verlinke auf diesen Artikel, weil er bei dem einen oder anderen helfen mag, die Gelbwesten nicht länger als gewaltbereite rechtgestrickte Horde zu sehen. Es gehört zur Normalität der hiesigen Kultur- und Medienszene, sich für „Europa“ stark zu machen, gegen Putin und Trump zu sein, aber von den sozialen und menschenrechtlichen Problemen zu schweigen, die hierzulande zu nennen wären; nicht jede’r kann und mag die Abwesenheit wirtschaftlicher Sicherhheit, die steigenden Mieten, die Lohndrückereien, die Zementierung der Herkunft als Voraussetzung für Bildungserfolg als Impuls für kreative Lösungen sehen.

Indirekt und offen beteiligen sich die „Pro-Europäer“ daran, die Sammlungsbewegung „Aufstehen“ – egal, wie erfolreich oder erfolglos sie am Ende sein mag – verächtlich zu machen. Dafür wird eine erstaunliche intellektuelle Schärfe aufgebracht. Dieses Rudelverhalten strahlt auf Schule und Bildung aus und verstärkt die Neigung, in dieser Institution Anpassung zu produzieren, statt Analyse, Aufklärung, Urteilskraft und Emanzipation.

Dass es auch anders gehen kann zeigt der Aufruf zahlreicher Kulturschaffenden in Frankreich. Eine Ermutigung und ein Beispiel dafür, dass es möglich sein kann, Bevölkerungsgruppen vor Diffamierung zu schützen. Mindestens, den Versuch zu unternehmen. Ein Versuch, der die Unterzeichner’innen vielleicht Aufträge kosten kann, wenn sie auf schwarze Listen der Kulturindustrie geraten.

Written by schau

11. Mai 2019 at 14:37

Die neue alte Ständegesellschaft: Sozialer Status erblich

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Schon lange bekannt. Aber immer wieder nötig, sich daran zu erinnern: Um die Aufstiegsmöglichkeiten im deutschen Bildungssystem ist es schlecht bestellt. Anders formuliert: Das Bildungssystem hat eine zentrale Funktion für Machterhalt und für den Ausschluss von Macht. Davon ist auf den Websites der Schulministerien nicht die Rede. Sie kommen in feinster PR-Rede daher, als fehle nur noch ein kleines Quäntchen zum Bildungsglück. Projekte und Wettbewerbe halten Lehrer, Kinder und Eltern bei Laune, absorbieren die Energie von Menschen, die durchaus wissen, dass es Probleme gibt. Diese Energie fehlt für die politische und rechtliche Absicherung  von Chancengleichheit.

Dazu ein Kommentar auf Deuschlandfunkkultur

Für Interessierte hier noch einmal ein Hinweis auf Arbeiterkind.de

Written by schau

3. Januar 2019 at 11:07

Zurück in die Zukunft?

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Wir kratzen an der Oberfläche, wir reden und schreiben uns die Finger wund, nichts wird besser

Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir das, was uns bewegt und schiebt nicht oder nur ungenau verstehen. Der Artikel von Cornelia Koppetsch im Merkur könnte helfen zu erfassen, was gerade geschieht.

Der Artikel ist frei zugänglich. Man sollte sich mit weiteren Beiträgen im Merkur beschäftigen.

Nachdenken über Gesellschaftsblindheit in der Psychologie

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Heiner Keupp animierte mich mit seinem Vortrag und Aufsatz »Das verlorene Selbst der Psychologie. Für die Überwindung der Gesellschaftsblindheit« zu einem eigenen Text. Der drohte mir aus den Fugen zu geraten, steht hier nun aber doch bereit, um gelesen zu werden.

Nachdenken über Gesellschaftsblindheit

Sind schulpsychologische Kompetenzzentren ein Ausweg aus der Marginalisierung der Schulpsychologie?

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In Baden Württemberg schon seit einigen Jahren, in Hessen seit kürzerer Zeit, gibt es  »Schulpsychologische Kompetenzzentren«

Im günstigen Fall wären sie ein Ort der Reflexion, des Austausches und auch der Kontroverse. Diese müsste ihren Platz haben dürfen, denn schulische, kommunalpolitische und ministerielle Logiken weisen andere Logiken auf, als die menschlicher und organisationeller Logik. Darüber muss man sprechen und nachdenken dürfen — ansonsten wäre ein Kompetenzzentrum eine weitere Maschinerie zur Umsetzung von Konzepten der Funktionalisierung und Anpassung, sowohl der Psycholog’inn’en, Lehrer’innen und Schüler’innen.
Die Themenpalette und einige Veröffentlichungen auf den Websites der Kompetenzzentren lassen die Hoffnung keimen, dass sie ein Ort der Revitalisierung der Schulpsychologie und der Professionalisierung von Beratung sein könnten.

Zum Kompetenzzentrum Hessen

Zum Kompetenzzentrum Baden-Württemberg

Written by schau

8. Dezember 2017 at 12:52

Berufsverbote mit Langzeitwirkung und stilbildend

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Unter der Bezeichnung kennt sie kaum noch jemand

Wer jünger ist als 50 könne mit dem Begriff „Berufsverbote“ heute wohl nichts mehr anfangen, heißt es in einem Bericht des Deutschlandfunks. Und wenn jemand eine Vermutung dazu äußert, wird der Tatbestand der DDR zugeordnet. Nein, nein. Dieser Tatbestand war reinste BRD-Wirklichkeit, Deutschland-West. Dass dieser schwere Eingriff in die Leben Tausender von Menschen mit Breitenwirkung auf noch viel mehr Menschen heute in Vergessenheit geraten ist, zeugt von der Wirksamkeit einer Politik der Ruhigstellung und Ablenkung. Heute braucht es dafür, kritisches Denken wirkungslos zu machen, keine Gesetze, die in Funktion und Duktus an die Zeit des Nationalsozialismus erinnern, mehr.

Gelenkte Demokratie, Herstellung prekärer Arbeitsverhältnisse, freundliche Erinnerungen an das, was der Karriere und dem Aufstieg dienlich ist, sorgen für Stille. Sicherlich sind auch ein Maß an „freiwilliger“ Selbstbescheidung, an Glückssuche im Konsum, veränderten psychischen Dispositionen — erworben im lehrenden Leben — von Bedeutung. Die Realität der Marktkonformität hinterlässt auch in den Köpfen und Herzen ihre Spuren. 

Umso erfreulicher, dass es in Niedersachsen eine Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der Berufsverbotepolitik und ihre Folgen gibt, die in nicht allzu fernen Zukunft einen Bericht vorlegen wirde.

Written by schau

27. November 2017 at 17:51